Die Mohnblume

Stell dir in Gedanken eine breite Treppe vor, die vor dir beginnt und durch eine schöne Landschaft immer tiefer führt  … Geh langsam die Treppe hinab, Stufe um Stufe … Vielleicht spürst du dabei schon, wie dein Atem ruhiger wird … Vielleicht spürst du dabei in dir schon die Ruhe wachsen … Die Stufen enden an einer Wiese …

 

Am Rand eines Kornfelds steht eine Mohnblume … Ein leichter Wind bewegt ihren langen Stiel, bewegt ihre großen roten Blütenblätter … Der Wind streicht weiter ins Korn, lässt es rascheln, wenn die Halme und die schweren Ähren gegeneinander schlagen … Ein Windstoß, dann wieder Stille … Und aus der Stille entstehen die vielen kleinen Geräusche …

Da ist dieses Knistern im Korn … Auch wenn gar kein Wind geht … Es ist nicht immer zu hören, nur manchmal, wenn es ganz still ist … Und wenn die Strahlen der Sonne das Korn erwärmen …

Da ist im Himmel das Lied einer Lerche … Ton um Ton fließt das Lied, endlos verschlungen, nur selten macht es eine kurze Pause …

Ob die Lerche dann selber lauscht? … Vielleicht auf das Lied einer anderen Lerche? … Vielleicht auf den Klang des Himmels? … Vielleicht auf die fernen Glocken einer Siedlung? … Vielleicht auf das Lied dieser Mohnblume – wenn auch Menschenohren gar nichts davon hören können? …

Eine Biene summt durch den Himmel heran … Schwer lässt sie sich nieder, im Kelch des roten Mohns … Sie krabbelt in ihm, sucht süßen Nektar …

Nun sitzt die Biene ganz still. Nur ihr Leib pocht … Eine ganze Weile sitzt sie da und lässt sich leicht vom Wind wiegen, der wieder begonnen hat …

Dann breitet sie die Flügel aus und fliegt davon … Immer kleiner und kleiner wird sie und verschwindet im Himmel …

Auf dem Feldweg sitzt eine Grille und zirpt … Ein Stückchen weiter, aus einer Wiese, antworten ihr andere Grillen … Das Zirpen der Grillen ist wie ein helles Meer aus Klang über Kornfeld und Wiese und Feldweg …

Und mitten im Meer aus Klang blüht die rote Mohnblume … ganz still …

Ob die Grillen auch etwas von der Stille des roten Mohns in sich tragen? … Vielleicht, tief innen, wo alles still ist und stark und vollkommen …

Ob die Lerche auch etwas von der Stille des roten Mohns in sich trägt? … Vielleicht, tief innen, wo alles still ist und stark und vollkommen …

Ob die Ähren des Kornfelds auch etwas von der Stille des roten Mohns in sich tragen? … Vielleicht, tief innen, wo alles still ist und stark und vollkommen …

Auf dem Feldweg hoppelt ein Hase … Über den Acker kam er, vom Wald – und hoppelt nun den Feldweg hinunter, wo der Bach fließt … Mit einem Satz springt der Hase über die zirpende Grille hinweg, ohne sie auch nur zu bemerken … An der Mohnblume hoppelt der Hase vorbei, ohne sie auch nur zu bemerken … Den Feldweg hoppelt der Hase hinab, bis zum Bach – iverschwindet dort zwischen den Weidenbäumen …

Ein Schmetterling tänzelt über die Mohnblume hinweg. Der Hauch seines Flügelschlags streift sie … Leicht wiegt sie sich hin und her … Und ihr Wiegen wird stärker, als wieder Wind aufkommt …

Eine dicke Fliege kommt aus dem Himmel über dem Kornfeld, fliegt einen engen Bogen um den Mohn – und verschwindet wieder im Himmel …

So viele Wesen sind unterwegs … hierhin und dahin … Sie begegnen einander – und trennen sich wieder …

Der rote Mohn bleibt immer genau, wo er ist … Wenn auch die Sonne versunken ist … Wenn auch die Abenddämmerung immer stärker wird … Wenn auch der Mond langsam über den Feldern steigt …

Das Rot des Mohns wird blasser, so wie die Dämmerung stärker wird … Die Blume ist immer noch wunderschön …

Der Mond ist noch höher gestiegen, ganz langsam, unmerklich … Die Dämmerung geht über in die Nacht … Langsam erscheinen am Himmel die Sterne …

Auf der Mohnblume liegt nun das Licht des Mondes … Auf der Mohnblume liegt nun das Licht der Sterne … Unendlich weit sind sie fort … Aber diese Strahlen sind gerade jetzt hier angekommen, auf den Blütenblättern des Mohns … Der ganz still ist … Der vielleicht schon zu träumen begonnen hat …

 

Da liegst du – ganz ruhig. Kannst du die Ruhe in dir spüren? Die Ruhe ist überall in dir … Kannst du spüren, wie schwer du bist? Dein ganzer Körper ist schwer, angenehm schwer … Kannst du spüren, wie warm du bist? Die Wärme strömt durch deinen ganzen Körper. Du bist warm, angenehm warm … Dein Atem geht ein und aus, ein und aus, ganz ruhig und gleichmäßig, ganz von allein … Du bist ruhig, schwer und warm – ruhig, schwer und warm … Die Ruhe trägt dich in die Nacht, hinein in den Schlaf, in freundliche Träume …

 


Die Traumreise stammt von Volker Friebel und ist noch in keinem Buch veröffentlicht.


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