Baumeister Stern

Entspannungsgeschichte von Volker Friebel

 

Du steigst mit Mieze vom Wolkenschloss in ein Traumland hinunter, an langsam treibenden Wolken vorbei, Stufe um Stufe. Stell dir vor, wie du mit jeder Stufe ruhiger und freudiger wirst.

Die Treppe endet an einem gewaltigen Turm, der frei im Land steht. Viele Menschen haben sich an ihm versammelt, denn der Turm wurde neu erbaut und wird nun gerade eröffnet.

„Seine Staudämme mögen das Land mit Strom versorgen, seine Häuser den Menschen ein schönes Heim bieten, seine Türme bis in den Himmel hinter den Wolken reichen – Baumeister Stern aber ist noch größer als alle seine Werke!“, strahlt die letzte Rednerin.

Ein Mann wird zu sprechen gebeten, bescheiden stimmt er schließlich zu. Dir fällt auf, dass er eigentlich ziemlich klein ist.

„Danke, dass ich für die Menschen bauen darf“, sagt Baumeister Stern. „Der Himmels-Turm soll für uns alle ein Ort der Schönheit und des Stolzes sein. Hiermit ist er eröffnet!“

Die Menschen jubeln und strömen in den Turm zu den Treppen und Fahrstühlen. Oben muss die Aussicht fantastisch sein.

Du gehst mit Mieze aus dem Gedränge zum See. Zu deiner Überraschung findest du dort den eben noch gefeierten Baumeister. Er sitzt auf dem Bootssteg, lässt die Beine baumeln und schaut über das Wasser.

Als er euch bemerkt, lächelt er und winkt euch zu sich. Mieze geht lieber Mäuse jagen. Du aber setzt dich neben den Baumeister.

„Ich mag das Wasser so sehr“, sagt er leise, wie zu sich selbst.

„Aber Wasser ist flüssig, mit ihm kannst du nicht bauen“, meinst du.

Der Baumeister lacht. „Vielleicht mag ich es eben deshalb“, überlegt er dann laut.

„Aber magst du das Bauen denn nicht?“, fragst du verwundert.

„Doch“, sagt er fest. „Ich baue für mein Leben gern. Es ist schön, etwas selbst gestalten zu können. Ich plane die Bauten nicht nur, immer lege ich auch selbst mit Hand an. Ich habe Balken gesägt, Mauern gegossen, Ziegelsteine getürmt, Eisen gehämmert. Die Arbeiter haben das meiste getan, fast alles sogar. Aber ein bisschen bin ich immer dabei. So fühlt es sich gut an.“

„Und warum magst du dann Wasser besonders, wenn du nichts mit ihm bauen kannst?“, fragst du.

„Weil es strömt“, sagt der Baumeister. „Weil es sich von nichts in der Welt aufhalten lässt. Am Ende überspült es jeden Damm. – Aber es ist nicht nur das Wasser. Es sind auch die Bäume im Wald“, fährt er dann fort, „es sind die Blumen, die Wolken – alles, was frei ist und einfach sich selbst lebt.“

Der Baumeister deutet auf das Wasser am Ufer, wo Schilf steht. Du siehst, dass dort eine Ente ihr Nest gebaut hat. „Und auch die freien Vögel bauen – selbst auf dem Wasser“, sagt der Baumeister und lächelt.

Über den Hang kommt Mieze zurück. Interessiert betrachtet sie das Nest und die Ente, die hier und da noch einen Halm zurechtzupft. Miezes Füße trippeln zu dir. Aber ihr Blick bleibt immer auf die Ente gerichtet.

„Deine Freundin vermisst dich“, sagt der Baumeister und erhebt sich. Er verabschiedet sich und geht langsam zum Turm.

Mieze ist an deiner Seite angekommen. Sie schaut dich an und gähnt.

Es ist spät geworden. Ihr geht zur Wolkentreppe. Stufe um Stufe steigt ihr empor. Mit jeder Stufe merkst du, wie du noch ruhiger wirst.

Im Wolkenschloss legst du dich auf das große blaue Sofa und schließt deine Augen.

 

Da liegst du – ganz ruhig. Kannst du die Ruhe in dir spüren? Die Ruhe ist überall in dir. – Kannst du spüren, wie schwer du bist? Dein ganzer Körper ist schwer, angenehm schwer. – Kannst du spüren, wie warm du bist? Die Wärme strömt durch deinen ganzen Körper. Du bist warm, angenehm warm. – Dein Atem geht ein und aus, ein und aus, ganz ruhig und gleichmäßig, ganz von allein. – Du bist ruhig, schwer und warm – ruhig, schwer und warm. – So liegst du ein Weilchen und ruhst dich aus. Du ruhst dich aus und spürst die neue Kraft tief in dir wachsen.

 

Damit kommt die Geschichte langsam zum Ende. Wenn du bereit bist, reckst und streckst du dich und öffnest die Augen.

 

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Eine Geschichte aus dem Buch: Volker Friebel (2019): Entspannungsgeschichten vom Wolkenschloss. Edition Blaue Felder, Tübingen.

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