Entspannung für Kinder

 

Einführung

Was ist Entspannung?

Fantasiereisen

Trance-Geschichten

Atementspannung

Stille-Momente

Kreistänze für Kinder

Verlangsamung

Ausbildung Entspannungspädagogik Kinder

Text gekürzt nach: Friedrich, Sabine & Volker Friebel (Hg): Ruhig und entspannt. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek, 1998:

Entspannung bei Kindern steht hierzulande weitgehend in der Tradition des autogenen Trainings – wenn auch zunehmend mit erheblichen Abweichungen und Erweiterungen. In den Anfängen des autogenen Trainings (ab den 1930er Jahren) wurde Entspannung für Kinder nur sehr wenig eingesetzt, wenn, und dann nur bei einzelnen Kindern, die „besonders reif“ dafür schienen, nicht bei Kindergruppen. Diese Zurückhaltung scheint mehr aus theoretischen Überlegungen begründet worden zu sein. Oles (1956), eine der ersten wissenschaftlichen Studien zum autogenen Training für Kinder (ab neun Jahren), schreibt: „Wir konnten im Vergleich zu Erwachsenen feststellen, dass die Übungen des autogenen Trainings von Kindern dieser Altersklassen viel schneller und besser beherrscht werden als von Erwachsenen. Das mag damit zusammenhängen, dass Kinder dieser Altersstufe bildhafte Vorstellungen besser verwerten und verarbeiten können als Erwachsene, und gerade dies spielt beim autogenen Training ja eine entscheidende Rolle.“ Dennoch verbreitete sich Entspannung für Kinder nur zögernd – wahrscheinlich eine Folge der festgeschriebenen Meinungen in den Lehrbüchern der Zeit. Etwa zu Beginn der 1990er Jahre begann dann aber eine geradezu explosionsartig anschwellende Veröffentlichungsflut.

Wahrscheinlich sind für diese Entwicklung besonders Veränderungen der Darbietung von Entspannung verantwortlich, vor allem die Einbettung der Entspannungsformeln in Geschichten, wie sie wohl erstmals von Gisela Eberlein (1976) propagiert wurde und die Entspannung für Kinder auch für andere Anwendergruppen als Psychologen oder Ärzte handhabbar machte. Die starke Ausbreitung von Entspannung für Kinder scheint sich nämlich fast ausschließlich auf ihre Anwendung in Kindergarten, Schule und zu Hause, nur wenig auf den psychotherapeutischen Bereich im engeren Sinne zu beziehen, aus dem Entspannungsübungen eigentlich stammen.

Auch wenn Entspannungsübungen Kindern bekannt sind und funktionieren, ist es für sie nicht unbedingt selbstverständlich, diese in ihrem Alltag einzusetzen. Manche Kindern tun das spontan. Aber verlassen sollte man sich nicht darauf. Die Übertragung des Gelernten in den Alltag, beispielsweise auf Schulsituationen, ist deshalb etwas, das bei Kindern weit stärker und ausführlicher angesprochen werden muss als etwa bei Erwachsenen. Jüngere Kinder (im Kindergartenalter) sind dazu kaum in der Lage. Sie entspannen sich bei der Übung – und damit gut. Auch das wird langfristig zu einem insgesamt entspannteren Verhalten führen. Einen Einsatz etwa von Entspannungsübungen in Stresssituationen sollte man von solch jungen Kindern aber noch nicht erwarten. Ältere Kinder können das, mindestens ab 8 Jahren, viele auch früher. Aber man muss sie darauf hinweisen. Man muss mit den Kindern besprechen, wo Entspannung in ihrem Alltag sinnvoll sein kann und wie sie sie dort am besten einsetzen.

Aus dem bisher Erwähnten ergeben sich bereits einige nötige Abwandlungen für Kinder. Kindern werden Entspannungsformeln zunächst stärker als Erwachsene von außen vorgegeben (beispielsweise „Du bist ganz ruhig“). Die Kinder werden von außen angeleitet. Die Verinnerlichung („Ich bin ganz ruhig“) erfolgt nach und nach, bei jüngeren Kindern ausdrücklich vielleicht überhaupt nicht.

Vor allem bei jüngeren Kindern (Kindergartenalter) ist die Entspannung sinnvollerweise ganz in Fantasiereisen oder Entspannungsgeschichten integriert bzw. wird durch Anleitungen von Übungen und Spielen (Stilleübungen, meditativer Tanz usw.) indirekt hergestellt. Auf das ausdrückliche Lernen von Entspannungsformeln wird meist ganz verzichtet.

Wahrscheinlich profitieren Kinder noch mehr als Erwachsene von der Darbietung mit Hilfe bildhafter Vorstellungen. Entspannungsverfahren, die dies unterstützen, dürften bei Kindern Vorteile haben. Bei allen Verfahren sollten bildhafte Vorstellungen wo immer möglich unterstützend eingesetzt werden. (Beim autogenen Training etwa: „Du spürst die Wärme der Sonne“, bei der progressiven Muskelentspannung der Bezug auf Obelix oder Herkules oder King Kong beispielsweise beim Fäusteballen).

Generell wichtig ist der spielerische Umgang mit Entspannung. Entspannung sollte als etwas ganz Selbstverständliches vorgestellt werden, als etwas, das alle brauchen und eigentlich auch können, und das es nur ein bisschen besser kennenzulernen gilt.

Die meisten Übungen zur Entspannung und Konzentration erfordern kein besonders Umfeld. Stilleübungen können auf einem Spaziergang, zu Hause oder in der Schule ganz in die normalen Tätigkeiten eingebettet sein, ohne dass Wörter wie „Stille“ oder gar „Übung“ fallen müssen. Fantasiereisen oder Entspannungsgeschichten können einfach erzählt werden, ohne Übungscharakter zu haben. Auch bei Massagen, Yogaübungen, meditativen Tänzen oder Mandalamalen kann der Übungscharakter für das Kind ganz in den Hintergrund treten.

Sehr wichtig ist die richtige Einstellung zur Entspannung. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass Kinder entspannen können und dass dies günstige Auswirkungen auch auf Konzentrationsfähigkeit, Schulleistungen, gesundheitliche und psychische Probleme haben kann. Entspannung mit Kindern lässt sich also mit der Zuversicht verwirklichen, etwas Gutes für das Kind zu tun, dem älteren Kind auch etwas in die Hand zu geben, das es selbst bei aktuellen Problemen einsetzen kann.

Entspannung ist aber kein Wundermittel. Sie ersetzt weder das Lernen für die Schule noch kann sie vorhandene Probleme sozusagen auf Knopfdruck beseitigen. Auch wenn gute Erfahrungen mit dem Einsatz von Entspannung bei einer Vielzahl von psychischen und medizinischen Problemen vorliegen, sollte die Nutzwirkung von Entspannung in erster Linie langfristig betrachtet werden. Alle Beobachtungen zeigen, dass günstige Auswirkungen zu erwarten sind – wenn die Entspannung selbst nicht etwa nur zu einem neuen Stress für das Kind (und den lehrenden Erwachsenen) gemacht wird. Entspannung möchte ein gelasseneres Umgehen mit sich selbst, mit Problemen und anderen Menschen erreichen. Sie möchte gerade weg von der Knopfdruckmentalität. Entsprechend gilt es auch mit ihr selbst und mit den eigenen Erwartungen umzugehen.

So erscheint uns ein ungezwungener und spielerischer Umgang mit Entspannung besonders wichtig. Zu Hause lässt sich Entspannung in den üblichen Tagesablauf einbetten. Aus vielen Momenten des Alltags lässt sich eine kleine Entspannungsübung machen. Auch in Schule und Kindergarten sollte darauf geachtet werden, dass Entspannung nicht etwa wie eine Disziplinierungsmaßnahme eingesetzt wird, etwa in der Art: Die Kinder sind gerade unruhig – also mache ich eine Entspannungsübung. Unruhe lässt sich mit Entspannung am besten durch ihren langfristig angelegten, nicht auf eine spezielle Situation bezogenen Einsatz besänftigen. Entspannung kann zwar auch bei aktueller Unruhe eingesetzt werden – aber wenn sie immer nur sozusagen als Polizei oder Feuerwehr zur Anwendung kommt, besteht sehr die Gefahr, dass Kinder bald so auf sie reagieren, wie auf andere „Tricks“ der Erwachsenen: mit Ablehnung, und vielleicht steuern manche Kinder dann auch bewusst dagegen.

Eine langfristig angelegte, in die natürlichen Abläufe eingebettete Entspannung scheint uns am besten geeignet, die guten Möglichkeiten dieser Methode auszuschöpfen.

Für Menschen, die beruflich mit Kindern arbeiten, halten Sabine Friedrich und Volker Friebel Seminare ab. Nähere Informationen finden Sie auf der Seite Seminare.

 

 

 

 

 

Aktuell 27.12.2013 auf www.Entspannung-plus.de, erstmals 04.08.2004
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