Entspannung auf der Hummelwiese

 

Gespräch beim Kaffee

„Gestern konnte ich nicht kommen, da hab ich Annika zu einem Entspannungskurs angemeldet“, erzählt Christiane Heyne ihrer Freundin beim Kaffee. „Oh“, sagt die überrascht. „Autogenes Training“, bestätigt Christiane. „So kann das mit Annika nicht weitergehen. Schon Kleinigkeiten bringen sie völlig aus der Fassung. Und wenn eine wichtige Klassenarbeit ansteht, kann sie die halbe Nacht vorher nicht schlafen. Außerdem jammert sie oft schon beim Frühstück über Bauchweh und isst fast gar nichts. – Dabei sind wir doch gar nicht streng und machen auch kein Theater, wenn sie mal eine schlechte Note heimbringt. Ich versteh das einfach nicht! Ich glaube, den Stress macht sie sich selbst – und kommt nicht mehr herunter. Irgendetwas muss jedenfalls geschehen.“

„Über Annikas Schlafprobleme und das ständige Bauchweh hast du ja schon erzählt ...“, meint Freundin Barbara.

„Wir waren auch schon zwei Mal beim Arzt“, berichtet Christiane. „Beim letzten Mal hat er gesagt, wenn es mit dem Baldrian auch nicht besser wird, verschreibt er ihr Schlafmittel. Bei dem Gedanken ist mir gar nicht wohl. Es wird doch immer wieder davor gewarnt, schon Kinder mit allen möglichen Mitteln vollzustopfen. Natürlich, gewarnt wird vor unnötigem Tablettengebrauch.“

„Die Ursachen beseitigst du mit Tabletten natürlich nicht“, meint Barbara. „Die sind weiterhin da. Und Kinder können doch nicht dauernd Tabletten nehmen.“

„Ich glaube, das hängt alles mit Annikas übergroßen Anspannung zusammen“, sagt Christiane und bläst über ihren Kaffee. „Ihre Lehrerin meint ja auch, dass Annika sich mit ihrer Nervosität und dem Konzentrationsmangel selbst im Weg steht. – Der Kurs beginnt aber erst in drei Wochen, und leider, diese Kurse gehen erst ab 8 Jahren.“

„Annika ist 9“, meint Barbara.

„Aber wenn Annika in einen Kurs geht, wollte ich eigentlich auch für Markus so etwas haben“, sagt Christiane. „Angespannt ist er eigentlich nicht – aber doch sehr zappelig und unkonzentriert. Sicher, er geht noch nicht in die Schule, da macht es nicht so viel aus, aber ...“

„Als ich noch im Kindergarten gearbeitet hab“, unterbricht Freundin Barbara sie, „haben wir auch verschiedene Entspannungsweisen mit den Kindern durchgeführt. Autogenes Training nicht – aber Fantasiereisen, Stillemomente, meditative Tänze, ach, jede Menge, was es so gibt.“

„Ach!“, Christiane vergisst ihr Kuchenstück, „du kennst dich aus?“

„Sabrina, meine damalige Kollegin, hat ihre Zulassungsarbeit über Entspannung im Kindergarten gemacht, da haben wir zusammen einiges mit den Kindern zusammen ausprobiert.“

„Und, meinst du, so etwas wäre für Markus gut, Stillemomente und Fantasiereisen?“

„Wir haben im Kindergarten Entspannung wegen der Unruhe gemacht, und mit allen Kindern, nicht wegen bestimmten Problemen von einzelnen Kindern. Über einige Zeit gesehen hatte ich schon den Eindruck, dass es den Kindern gut getan hat – und gerade den besonders unruhigen Kindern, bei denen wir zuerst dachten: <Na, das wird doch nichts>. Aber das Bauchweh von Annika hat sicher etwas mit Angst oder Stress zu tun, und dagegen ist Entspannung schon gut. – Weißt du was“, Barbara bekommt so ein Funkeln in den Augen, „bis der Kurs beginnt, können wir doch mit den Kindern immer etwas zur Entspannung machen! Vor dem Kaffee, und bevor die sich ins Kinderzimmer verziehen. Das wird Annika gut tun, wenn sie mit schon ein bisschen Ahnung in den Kurs geht. Markus hat etwas davon, und meine beiden Racker bestimmt auch.“ Barbara lacht. „Im Kindergarten war es manchmal schon anstrengend – aber viele Sachen von damals fehlen mir doch. Das würde mir Spaß machen!“

„Gut“, lächelt Christiane. „Vor dem nächsten Kaffee, da bin ich gespannt!“

 

Was ist Entspannung?

Die Kaffeestunde von Christiane Heyne und Freundin Barbara ist auch für die Kinder eine gute Sache, sie verziehen sich dann immer ins große Kinderzimmer von Annika oder in den Garten zum Spielen. Heute aber wartet alles gespannt, was sich Freundin Barbara ausgedacht hat, zur „Entspannung“.

Als diese sich so umlagert sieht, muss sie lachen. „Was ist denn heut los?“, fragt sie.

„Heut ist doch <Entspannung>, hast du gesagt“, meint Annika.

„Was glaubt ihr, ist Entspannung überhaupt?“, fragt Barbara in die Runde. „Keine Ahnung“, meint Markus. „Wenn du schläfst“, behauptet Tobias, ihr Ältester. „Wenn du zwei Meter über dem Boden schwebst“, weiß Annika. „Wenn man ganz ruhig wird, und trotzdem konzentriert“, sagt Christiane. „Wenn du die Füße gekreuzt aufeinander legst und immer ganz tief atmest“, versucht es Barbaras Tochter, die Anne. „Und so vor dich hinbrummst, wie die Hummel, die wir auf dem Herweg gesehen haben“, sagt sie dann.

Barbara lächelt. „Da war schon einiges dabei. Wenn wir schlafen, sind wir meistens sehr entspannt. Manchmal schlafen auch Leute bei der Entspannung ein, und das kommt eben daher, dass Schlafen und Entspannung zusammenhängen. Aber Entspannen ist nicht einfach schlafen.

Annika, du machst doch im Schulsport Hochsprung und hast schon zweimal Medaillen gewonnen“, fährt Barbara fort. „Im Fernsehen, wenn dort Leichtathletik gezeigt wird, hast du sicher schon gesehen, dass die Hochspringer nicht einfach losrennen und über die Stange springen.“

„Das hat mich schon gewundert, wie lange die warten, bis sie endlich mal springen“, sagt Annika.

„Die warten nicht einfach“, sagt Barbara. „Die entspannen sich. Und die konzentrieren sich. Gleichzeitig. Weil sie für den Sprung nämlich beides brauchen. Die Ruhe – ohne Ruhe dabei klappt alles nur halb so gut. Und die Konzentration. Die machen eine Entspannungsübung und stellen sich ihren Sprung vor. Jeden Schritt, innen, in ihrem Kopf. Die springen erst ein paar Mal in ihrem Kopf, und ganz aus der Entspannung heraus – und dann erst wirklich im Stadion. Wenn Entspannung einfach bloß Schlafen wäre, würde sie den Sportlern nichts bringen. Die Ruhe hat Entspannung mit dem Schlafen gemein, aber sie ist noch mehr, nämlich Konzentration. Und deshalb machen gerade Menschen, die sehr konzentriert sein müssen, die ihre Sache sehr gut machen wollen, Entspannung.“

„Nicht, weil sie schlecht sind?“, fragt Annika und verrät dabei einiges über ihre gemischten Gefühle hinsichtlich des Entspannungskurses.

„Weil sie gut sind – und noch besser sein wollen“, nickt Barbara.

„Aber das mit den gekreuzten Beinen, das hat mit Sport dann doch gar nichts zu tun?“, fragt Christiane.

„Jens macht das“, sagt überraschend Markus. „Der hat es schon in der Schule gezeigt.“

Barbara schüttelt verwundert den Kopf.

„Doch“, sagt Annika. „Jens ist beim Fechten. Und bevor sie anfangen, machen sie immer so etwas mit Beine kreuzen und summen und atmen – so hat er es uns mal erzählt und gezeigt.“

„Summen wie die Hummeln eben, wie ich gesagt hab!“, wirft Anne ein.

„Oh“, meint Barbara, „das ist wohl eine Form der Meditation. Bei der Meditation kann es auch um Kraft gehen, um innere Kraft. Und um Konzentration.

Auch Schifahrer sieht man manchmal, wenn so ein Sturz war und alles warten muss und die Kamera nicht weiß, was sie zeigen soll. Dann zeigt sie ab und zu etwas Interessantes: Wie ein Schifahrer einfach so dasteht, die Augen geschlossen hat und die Beine komisch bewegt – der fährt in seinen Gedanken den Hang hinunter, jede einzelne Kurve stellt er sich vor, wie er hinunterbraust, aus der Ruhe und mit der Konzentration. Da muss er nicht die Beine kreuzen, er muss sich auch nicht hinlegen. In jeder Körperhaltung sollte man sich entspannen können. In manchen aber geht es ein bisschen leichter oder lernt es sich leichter.“

„Im Liegen“, sagt Markus.

Barbara nickt.

„Zwei Meter über dem Boden“, ergänzt Annika. Alle müssen lachen.

„Manche Leute fühlen sich so, als würden sie schweben“, sagt Barbara. „Wenn sie ganz entspannt sind. Das kann sogar unangenehm sein.“ „Wenn sie runterplumpsen“, meint Markus. Wieder lachen die anderen.

„Aber hilft das denn auch?“, fragt Christiane. „Ich kann mir natürlich vorstellen, wie ich einen Schihang hinunter brause, ganz ruhig und konzentriert. Geht es dann nachher aber tatsächlich besser?“

„Die Hummel findet bestimmt mehr Nektar, wenn sie so schön brummt“, behauptet Markus.

Ja“, sagt Barbara. „Das hat man in Versuchen tatsächlich herausgefunden. Wenn ich mir vorstelle, ruhig und konzentriert zu sein, und ich bin darin einigermaßen geübt, dann wird auch mein Körper ruhig und konzentriert. Und wenn er das wird, dann geht vieles, sehr vieles ganz einfach besser. Denn was wir denken, das hat einen Einfluss auf uns.“

„Oh, dann brauch ich mir nur noch vorzustellen, eine gute Note im athetest zu schreiben“, meint Tobias.

Barbara lacht. „Wenn du Mathe gelernt hast, dann nützt das tatsächlich etwas. Wenn du nicht gelernt hast, dann nützt es nichts. Denn durch Entspannen, durch Ruhe und Konzentration, kannst du nur verbessern, was du im Grunde genommen schon kannst. Wenn du etwas nicht kannst, dann nützt dir auch Entspannung nicht viel. Kein Mensch kann fliegen. Wenn du dir nun vorstellst, zu fliegen – plumps! Aber wenn du für die Schule gelernt hast, dann hilft dir Entspannung, dann helfen dir Ruhe und Kraft, das Gelernte besser aufs Papier zu bringen.“

„Wie funktioniert das?“, fragt Christiane.

„Das weiß wohl niemand so recht“, behauptet Barbara. „Aber dass es funktioniert, dass Gedanken und Vorstellungen wirklich einen Einfluss auf unseren Körper haben, das kann ich dir immer beweisen. – Dazu gibt es ein schönes Spiel“, sagt sie. „Schließt mal eure Augen.“ Die anderen schließen die Augen, und Barbara spricht weiter. „Stell sich jeder vor, dass vor ihm ein Tisch steht, auf dem eine Zitrone liegt. – Und ein Messer. – Nun nimm das Messer und schneid die Zitrone in zwei Hälften. – Nun nimm eine der Hälften und führ sie zum Mund. – Nun beiß herzhaft in die Zitrone hinein. – Das wars!“

Alle öffnen die Augen. „Bäh“, meinen die Kinder. „Seht ihr“, Barbara nickt. „Das ist die Kraft der Vorstellung. Ihr stellt euch vor, in eine Zitrone zu beißen, und da fließt der Speichel, da bekommt ihr einen sauren Geschmack, da werden auch jede Menge Enzyme und was weiß ich alles im Körper ausgeschüttet – der Körper reagiert auf eure Gedanken, obwohl ihr doch genau wisst, dass gar keine Zitrone da ist! Und so reagiert der Körper auch auf alles andere, was ihr ihm sagt, was ihr ihm zuflüstert, ob ihr das immer wisst oder nicht. Ihr könnt ihm Schlechtes zuflüstern, das machen wir häufig – oder Gutes. Ihr könnt ihm zuflüstern, ruhig und entspannt zu sein, und konzentriert. – Und so etwas machen wir in der Entspannung.“

„Aber nicht heute mehr“, meint Christiane.

„Wisst ihr was?“, sagt Barbara, „Ich les euch jetzt noch eine Geschichte vor, ihr dürft euch in euren Decken so richtig dazu einkuscheln, und mit den Stillemomenten beginnen wir das nächste Mal.“

„Auf unserer Hummelwiese“, sagt Markus.

 „Auf unserer Hummelwiese“, bestätigt Barbara. Dann nimmt sie ihr Buch und blättert nach einer Geschichte.

 

Was ist Entspannung?

* Das vegetative Nervensystem steuert die Ausrichtung unseres Körpers mehr auf Tätigkeit oder mehr auf Ruhe und Erholung hin. Beides ist wertvoll und wichtig, Stress und Entspannung. Ungünstig ist aber, wenn durch äußere oder innere Umstände längerfristig ein Ungleichgewicht zu Ungunsten der Erholungsphasen auftritt. Dann kann „professionelle“ Entspannung helfen.

* Kinder haben in der Regel weniger Schwierigkeiten zu entspannen als Erwachsene,  das ist durch eine Vielzahl von Studien nachgewiesen. Aber Kinder lassen sich mehr von äußeren Umständen oder von ihren Impulsen leiten. Erwachsenen hilft Entspannung, Daueranspannung zu unterbrechen. Kinder lernen, Entspannung überhaupt als etwas Wertvolles anzusehen, und sich mit Entspannung etwas vom Trubel um sie herum abzusetzen sowie die eigenen Impulse besser unter Kontrolle zu bekommen.

* Heute existiert eine große Vielzahl an Entspannungsweisen. Bei fast allen geht es nicht allein um Entspannung, sondern um die Verbindung von Entspannung und Konzentration. Bei manchen sind Beschränkungen des Alters oder der Gruppengröße zu beachten, wenn sie denn in einer Entspannungsgruppe durchgeführt werden. Insgesamt lässt sich aber nicht sagen, die eine Entspannungsweise sei grundsätzlich besser als die andere. Persönliche Vorlieben haben ein größeres Gewicht. Sehr viel wichtiger als die spezielle Art der Entspannung ist auch die Vermittlung der Entspannung sowie die Hinführung zum selbstständigen Einsatz des Gelernten.

* Grundsätzlich ist für alle Altersgruppen Entspannung möglich. Die Entspannungsweisen reichen von der Massage für die Kleinsten über Stillemomente, Fantasiereisen, verschiedene Entspannungsspiele, -lieder und -tänze auch für Kindergartenkinder, sowie Autogenem Training, Progressiver Muskelentspannung und meditativen Übungen für Schulkinder. Alle Entspannungsweisen für junge Kinder sind, altersgemäß vorgetragen, auch für ältere Kinder hilfreich.

* Das Lernen von Entspannungsweisen sollte längerfristig angelegt sein. Es sollte keinen neuen Stress erzeugen, sondern mit der Zeit zu mehr Ruhe und Konzentration führen. Alle Entspannungsweisen können dies leisten, aber alle benötigen dazu auch Geduld. Eine Knopfdruckmentalität („ich drücken – du entspannt sein“) macht nur neuen Stress.

* Entspannung wird zwar auch erfolgreich bei vielen psychosomatischen und psychischen Problemen angewandt, grundsätzlich ist sie aber etwas für alle. Gut erklärt werden kann das Kindern und Erwachsenen am Beispiel des mentalen Trainings, das eben nicht von besonders schlechten Sportlern eingesetzt wird, sondern auch und gerade von den besten.

 

Aus: Friebel, Volker & Sabine Friedrich: Entspannung für Kinder. Mit Audio-CD. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek, September 2002, 144 Seiten Buch und 79:57 Minuten CD, 12,90 Euro. (Völlige Neufassung der 14. Auflage des Buchs von 1989.)

 

 

www.Entspannung-plus.de, 04.08.2004
Alle Rechte bei Volker Friebel, Tübingen